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Das kleine Dorf

Märchen und Mythen haben etwas Magisches. Sie bringen eine Weisheit in uns zum klingen, die tief in unserer Seele verankert ist. Das folgende Märchen entstand aus Gedanken über Verbundenheit, Vergänglichkeit und die Frage, was wir sehen, wenn wir einander wirklich begegnen. Sie erzählt auch vom Vertrauen in die eigene Wahrnehmung und davon, seinen Platz im Leben mit innerer Gewissheit einzunehmen.

Es war einmal, vor langer langer Zeit, da gab es ein kleines Dorf mitten im Wald. Es war zu einer Zeit, als Menschen, Bäume und Tiere noch einander in ihrer Sprache verstanden. Jeden Abend, nachdem die Sonne versunken war, trafen sich die Bewohner des kleinen Dorfes an einem wärmenden Lagerfeuer in der Mitte des Dorfes, das immerfort brannte.

An einem Abend aber, als der Vollmond rund und schwer am östlichen Himmel aufging, da geschah es, dass ein kleines Mädchen plötzlich verschwand. Es saß wie alle anderen am Feuer und starrte hinein, während die Blicke der Anwesenden verträumt dem aufgehenden Mond folgten. Als jeder nun zurück in die Runde schaute, war das kleine Mädchen weg. Niemand hatte etwas gehört oder gesehen.

Verzweifelt liefen die Menschen umher und riefen nach dem kleinen Mädchen, auch die Tiere halfen bei der Suche. Hatten die Bäume denn nichts bemerkt? Doch die Blätter schwiegen, kein Lufthauch regte sich. Auch am nächsten Tag blieb das kleine Mädchen verschwunden. Durch die Bäume säuselten zwar wieder ihre alten Lieder, erinnern konnten sie sich aber an nichts mehr.

Die Tage und Wochen vergingen, ohne dass auch nur eine einzige Spur des kleinen Mädchens gefunden wurde. An dem Abend dann, als sich der nächste Vollmond hell und klar über den Horizont schob, das Feuer in der Dorfmitte knisterte, und als sich die schwer besorgten Dorfbewohner darum versammelten, da befand sich das kleine Mädchen plötzlich wieder unter ihnen. Niemand hätte sagen können, woher es kam.

“Wo warst du?”, riefen alle aufgebracht, “wo warst du denn die ganze Zeit?” Das Mädchen schaute ganz verblüfft drein: “Was meint ihr damit, wo ich war? Ich war hier, ich war doch die ganze Zeit hier. Bei euch, am Feuer.” Aber wie könne das sein?, argwöhnten die anderen. Sie wäre einen ganzen Monat verschwunden gewesen, erklärten sie ihr. Einen ganzen Monat verschwunden? Aber was redeten sie denn da?, dachte das kleine Mädchen, sagte aber nichts mehr. Der restliche Abend war sehr still am Feuer. Nur die Blätter der im Mondlicht silbern glitzernden Pappel, die am Rande des Dorfplatzes stand, raschelten und raunten leise ihr vertrautes Geflüster. Die Dorfbewohner behielten das Mädchen den ganzen Abend im Auge.

Als der Vollmond nach einem weiteren Monat erneut den Himmel erhellte, da verschwand nun das ganze Dorf. Mit allen Häusern, dem Dorfplatz und dem Feuer. Und auch alle Menschen waren fort. Bis auf das kleine Mädchen.

Staunend stand das kleine Mädchen da, allein auf einer freien Lichtung im Wald. Aber es fürchtete sich nicht. Es legte sich friedlich unter einen Baum und ließ sich von der süßen Melodie im Rauschen der Bäume in den Schlaf singen. Am nächsten Tag würde es im Wald nach Nahrung suchen, die dieser so bereitwillig darbot, und es würde bei den Tieren um Hilfe bitten, ihm einen Unterschlupf zu gewähren. Bis zum nächsten Vollmond. Denn das kleine Mädchen wußte jetzt, dass dann ihr kleines Dorf mit all seinen Bewohnern wieder da sein würden. Und so war es auch.

Von da an verschwand in dem kleinen Dorf niemand mehr. An den Abenden jedoch, an denen der Vollmond im Osten aufging, während sich die Dorfbewohner ums Lagerfeuer reihten, versäumte es seither niemand mehr, dem Menschen neben sich liebevoll in die Augen zu schauen, bevor er seinen Blick ehrfürchtig dem Mond zuwendete.